Schatten und Integration - 17.05.2009

Mit Martina Keiser, Anne Margreth Schoch und Felix Zbyszek Siwek

Ort: Volkshochschule Olten

 

1. Persönlicher und kollektiver Schatten

Der Begriff Schatten bezeichnet das persönliche Unbewusste, die Bewusstseinsanteile, die wir unterdrücken, abwehren, verleugnen, abspalten – als Individuum oder im Kollektiv, in der Gesellschaft. Mit den unbewussten Schattenelementen sich auseinandersetzen, die oft erst über schmerzliche Symptome, über heftige Emotionen, Ängste usw. wahrnehmbar sind, bedeutet Schattenarbeit. Eine Vielzahl von psychotherapeutischen Ansätzen (kognitiv, tiefenpsychologisch, psychodynamisch, transpersonal) können uns in dem Prozess der Konfrontation und Aneignung des Schattens unterstützen und helfen. «Welche Form auch immer Sie wählen, eine integrale Lebenspraxis ist ohne irgendeine Art von Schattenarbeit nicht vollständig. Der Vorschlag lautet: Lernen Sie diese Lektion nicht auf mühsamem Wege, denn Ihr Schatten kann Sie auf dem ganzen Weg bis zur Erleuchtung und wieder zurück begleiten.»
(Ken Wilber, Integrale Vision)

 

2. Zur Traumatisierung in der zweiten Generation

Aus Martina Keisers Vortrag «Schweigen der Eltern – Albtraum der Kinder» anlässlich einer Tagung der Internationalen Gesellschaft für Kunst, Gestaltung und Therapie in Berlin, 2006:

Grenzüberschreitungen: Wörtlich Grenzen überschreiten (müssen) als traumatische Erfahrung, äussere (oder innere) Emigration, Flucht ins Asylland, Verlust der Heimat und die (möglichen) Folgen: Flucht von der Vergangenheit in die Gegenwart, Nicht-Fühlen-Können, Verharmlosen, Verdrängen, Abspalten und Schweigen der Eltern führen zu Ängsten und Verstrickungen auch der Kinder (zweiter und dritter Generation).

Bewusstseinswandel: Zulassen von Schmerz und Verletzlichkeit, Aufweichen, Annehmen, Benennen und Mitteilen der traumatischen Erfahrungen und Erlebnisse als Teile des persönlichen und Familien-Schicksals.

Gesundheitshandeln: Über vielschichtige Heilungsprozesse zum Eigenen finden (neue Heimat finden) in Beziehungen, Aufgaben, im schöpferischen, vielleicht künstlerischen Ausdruck und Verhindern der (unbewussten) Weitergabe der Traumatisierungen an die folgenden Generationen.

Nach einem ersten wortlosen Ausdruck mit Musikinstrumenten und Stimme tauschten wir uns anschliessend im Plenum über Gedanken und Empfindungen aus: persönlichen Bezüge zu Traumaprozessen in der Familie, zum Umgang mit Schattenanteilen, zum Schatten werden im 3-2-1-Prozess (Konfrontieren-Sprechen-Sein).
Martina Keiser

 

3. Ein oft ignorierter Aspekt des kollektiven Schattens

Die übermässige Anpassung an die soziokulturellen Standards führt dazu, dass wir unbewusst auf unsere Sehnsüchte nach Verwirklichung unseres Potenzials und unserer Freiheit verzichten. Demzufolge befinden wir uns in einer Art Gefängnis, das sowohl draussen als auch in uns drin ist. Die bewegende, ausdrucksvolle Metapher dieses Gefängnisses hat Jacob Needleman in seinem Buch «Geld und der Sinn des Lebens» geschildert.

Ein Fragment dieses Textes haben Anne Margreth und Felix vorgelesen und anschliessend ein daraus resultierendes Gespräch im Plenum moderiert. (-> PDF später im Intranet)

Wir sitzen in dem Gefängnis fest, solange wir uns dieser Tatsache nicht bewusst sind, und umgekehrt: je bewusster wir uns dessen sind, desto freier sind wir auch! Das war die Schlussfolgerung unseres Gesprächs über den wesentlichen und oft total ignorierten Aspekt des kollektiven Schattens.
Anne Margreth Schoch, Felix Zbyszek Siwek

 

4. Körperpsychotherapie in der Schattenarbeit

«Was Meditation nicht kann, ist, den Schatten zu bearbeiten».
(Ken Wilber)

Der persönliche Schatten ist Teil des Ich-nahen persönlichen Unbewussten und setzt sich aus allen mit den bewussten Identifikationen des ICH unvereinbaren Aspekten, Neigungen und Eigenschaften eines Menschen zusammen, wie beispielsweise Trauer, Wut, Neid, Hass oder auch dem Wunsch nach Liebe und Zuwendung.

Sind unsere Wünsche und Emotionen früh genug mit Verboten belegt, kann auch keine Sprache dafür entwickelt werden. Sie bleiben im Körper «gefangen», in der Muskulatur, im Bindegewebe, auf der Haut oder ziehen sich bis in die Tiefe des Skeletts zurück. So bilden sie auch den Keim zu späteren psychosomatischen Krankheiten oder anderen psychischen Erkrankungen. Statt spontan und kreativ und voller Vertrauen uns dem Leben zuzuwenden, werden durch das Unterdrücken von Wut, Zorn, Hass, Neid, Aerger, Eifersucht (und wie die Unerwünschten alle heissen) lebensfördernde Energien im Körper gebunden.

Biodynamischde Körperpsychotherapie versucht nun mit Massage, Halten, liebevoller Zuwendung, Aufbau von authentischer Beziehung zu sich und anderen und dem psychotherapeutischen Gespräch, das Vertrauen zu sich selbst, zum Körper und den darin eingeschlossenen Gefühlen (wieder) zu öffnen und zu integrieren. Sie stimuliert Wachstum und Selbstakzeptanz, Wachstum, das im besten Fall sehr gut mit dem Stufenmodell von Susanne Cook-Greuter beschrieben werden kann. Durchaus auch im Sinne Wilbers, wie sie in «Integrale Spiritualität» in den Abbildungen 16 und 17 mit den (Farb-) Bewusstseinsstufen von «Archaisch» bis «Integral» oder der «Hohen Schau-Logik» (Zentaur) gezeigt wird.

Eine persönliche Anfügung zum Zentauren. Die Zentauren sind wild und auch gewalttätig. In der griechischen Mythologie wird vor allem Chiron genannt. Chiron, halb Pferd, halb Mensch, wurde zum Lehrer, Weisen, zum Heilenden und Wissenden. Asklepios soll von ihm das Jagen, die Heilkunst mit Kräutern und die Chirurgie gelernt haben. Chiron hat die Wildheit seiner animalischen (Anima-) Seite integriert, jedoch nie verleugnet. Mit anderen Worten: der Zentaur hat seine «unbewusste Körpergeistseele» integriert. Sie ist zu Bewusstsein erwacht. Darauf bezieht sich seine Kraft und Stärke. Er wurde unabsichtlich verwundet. Von seinen Schmerzen konnte er nur erlöst werden, indem er Mensch und sterblich wurde.
Anne Margreth Schoch

 

Verwendete Unterlagen

  • Selbst-Entwicklung, Susanne Cook-Greuter, e-book bei der Integralen Bibliothek.
  • Eros, Kosmos, Logos, Ken Wilber, 2006, Fischer
  • Integrale Spiritualität, Ken Wilber, 2007, Kösel
  • Biodynamik des Lebens, Gerda und Mona Lisa Boyesen, Synthesis, 1987
  • Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewussten, C.G. Jung, 1972

 










Organisatorisches der Tagung vom 17. Mai 2009

Die Anwesenden sind einverstanden, an die ausserordentlichen Raumkosten der nächsten Tagung (19. Juli, Thema ‚Neugestaltung der Homepage und integrale Möglichkeiten des Internets’) einen Beitrag von 20 Fr. pro TN aus der gemeinsamen Kasse zu bezahlen.

Klärung der Versandliste: Die Adressaten der letzten Versandliste werden nochmals kontaktiert und aufgefordert, sich zu melden, wenn ihr Name von der Liste gestrichen werden soll. Künftig führt die Kontaktstelle neben der Liste für Teilnehmer/Innen / Gäste eine separate Liste für „Interessierte“. So bald wie möglich wird auf der Website ein Intranet eingerichtet, sodass die aktualisierte Versandliste mittels Zugangscode von all jenen geholt werden kann, die das möchten.

IF-CH (Integrales Forum Schweiz) und IP (Verein Integrale Politik) teilen ein grundsätzliches Gedankengut. Die Idee, bezüglich Tagungen einander näher zu kommen, wird gutgeheissen. Als erster Schritt wird das IP-RegioTeam Zürich kontaktiert, um dessen Meinung dazu zu ermitteln.