Eine der fünf Säulen der integralen Landkarte von Ken Wilber sind Typologien. Damit meint er
Aspekte, die sich praktisch auf jeder Entwicklungsstufe und in jedem Zustand zeigen können.
Es sind horizontale, nicht-hierarchische Aspekte des Bewusstseins. Bedeutungsvoll dabei ist,
dass typologische Veränderungen keine Transformation darstellen; denn Transformation ist
eine Veränderung hin zu etwas, das es vorher so noch nicht gab. Beispiele von Typologien sind
die 4 Temperamente, die 9 Gesichter der Seele des Enneagramm, die 12 Tierkreiszeichen –
oder der meist genannte Aspekt – das Geschlecht männlich-weiblich.
Zweifelsfrei ist das ein riesiger Fortschritt, und er wurde nur möglich dank einem jahrelangen
beharrlichen Kampf mutiger Frauen. Wir Männer hätten diesen Schritt von uns aus nicht ge-
macht, obwohl er längst fällig war. Und nun, da er (nach und nach) vollzogen wird, sind wir ge-
fordert, unsere männliche Rolle neu zu finden.
Doch da ist etwas, was zumeist nicht oder zu wenig bedacht wird: die Differenzierung zwischen
einem weiblichen/männlichen Körper und weiblichen/männlichen Qualitäten. Wer hier genauer
hinschaut wird feststellen, dass der gesellschaftliche Fortschritt im Wesentlichen auf Verände-
rungen beruht, die (noch) nicht Ausdruck einer Transformation hin zu einer nächsten Entwick-
lungsstufe sind. Vielleicht steckt eine Taktik dahinter oder einfach ein gesellschaftlicher Druck,
doch nicht ein inneres verändertes Bewusstsein. Wohl sind heute mehr Menschen mit weibli-
chem Körper in Domänen vorgedrungen, die vormals Männer besetzt hielten, doch das Gleich-
gewicht weiblich-männlicher Qualitäten hinkt hinten nach. Was viel damit zu tun hat, dass eine
Frau ohne das Überbetonen ihrer Yang-Seite noch immer schlechte Chancen hat, in hohe ge-
sellschaftliche Positionen (Wirtschaft, Forschung, Politik) aufzusteigen.
Und doch ist genau das notwendig: Frauen, die – ohne ihre männliche Seite zu verleugnen –
sicher und bestimmt ihre weiblichen Qualitäten in Führungspositionen hinein tragen. Wo das
authentisch geschieht, unterstützt es zudem die Männer darin, ihrer eigenen weiblichen Seite
mehr Raum zu geben und trotzdem (oder gerade deshalb) „ganze Männer“ zu sein.
Es kann keine Entwicklungsstufe übersprungen werden. Die Postmoderne mit ihrer kämpferi-
schen Seite für die Rechte der Frauen als Reaktion auf die patriarchalische Tradition und die
männerdominierte Moderne muss sein und musste sein. Frauen, die sich abschotten und von
Männern nichts mehr wissen wollen; Männergruppen schliesslich, die Ähnliches tun. Es ist eine
ganz wichtige Zeit der Selbstfindung als Frau, als Mann; als Frauen, als Männer. Und es ist die
Zeit, das Weibliche und Männliche in sich selber ins Gleichgewicht zu bringen.
Dann, und erst dann, wird schlisslich eine Transformation möglich, welche die Geschlechterfra-
ge aus einer gänzlich neuen Perspektive angeht: die integrale Sichtweise, der die Verbunden-
heit von Allem mit Allem zugrunde liegt; die auf Kooperation basiert und nicht auf Konkurrenzie-
rung; die aus innerem Antrieb Respekt und Wertschätzung empfindet für das eigene und das
andere Geschlecht.Aus integraler Sicht, so meine ich, sehen wir einander nicht mehr in erster Linie als Frauen und
Männer, sondern als Menschen: Unterschiedliche Menschen, zusammen unterwegs, aufeinan-
der angewiesen, Teil der Natur, ausgerichtet auf das Wohl des Ganzen.
Zwei Menschen, die ich kenne und schätze und die zum Thema Mann-Frau wunderbare Arbeit
leisten, sind Cordula Maers-Frei und Sebastian Gronbach:
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