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Systemische Betrachtungen und Konsequenzen für eine Schulpolitik (Schweizer Schulpolitik – integrale Ansätze, Teil 2)

10.03.2011 09:33:00

Tiefer liegende Zusammenhänge, das heisst Schulprobleme, die Gesellschaftsprobleme widerspiegeln, finden noch kaum oder gar keine Erwähnung, weder in den erwähnten Papieren noch an der Podiumsdiskussion (vom 1.2.11). So schloss ich meine Ausführungen im ersten Teil zur Schweizerischen Schulpolitik. Nun will ich darauf näher eingehen. Wobei sogleich zu sagen ist, dass diese tiefer liegenden Zusammenhänge keineswegs an der Schweizer Landesgrenze Halt machen. In diesem Beitrag beleuchte ich systemische Aspekte.

Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass Bildung und Erziehung eine tragende Rolle spielen für eine menschliche Gesellschaft und ihre Weiterentwicklung. Ist nun von einer integralen Bildung die Rede, so bedeutet das zwingend eine Perspektive, die weltzentrisch ist, die also die Geschehnisse auf dem ganzen Globus mit einbezieht.Unsere Welt, die Menschheit, Gesellschaftsformen, der Markt, die Wirtschaft, der einzelne Mensch, unser Gehirn, unsere Psyche und vieles mehr sind komplexe, nicht-lineare dynamische Systeme. System bedeutet Vernetzung, Wechselwirkung, Selbststeuerung, ineinander verschachtelte Regelkreise. Es sind Systeme innerhalb von Systemen innerhalb von Systemen. Ziehe ich an einem Faden dieses Netzwerkes, so beeinflusse ich das Gesamte. Das war schon immer so, auch wenn es uns nicht bewusst oder noch gar nicht bekannt war. Es nicht zu beachten, hatte in der Regel auch nicht so weitreichende Folgen. Doch heute sind einzelne dieser Systeme so komplex und global wirksam geworden, dass die Missachtung ihrer Gesetzmässigkeiten verheerende Folgen hat. Die berufliche und fachliche Aufsplitterung der einen Wirklichkeit in immer weitere Spezialgebiete tragen das ihre bei, dass kaum jemand mehr das Gesamte überblicken geschweige denn steuern kann.

Wir sind uns gewohnt, Einzelmassnahmen zu treffen, ein Symptom dort zu beseitigen wo es auftritt, eine fehlerhafte Funktion zu korrigieren – meist ohne Blick auf den Gesamtzusammenhang des Systems, innerhalb dessen das Problem aufgetreten ist. Beispiele gibt es viele:

Unbehagen und Stress am Arbeitsplatz --> Medikamente, Alkohol

Verkehrsüberlastung --> breitere Strassen

Überhandnehmen einer unerwünschten Pflanze --> Herbizide

Zunehmende Überschwemmungen --> Bachverbauung

Schwierige Schüler --> Ritalin

Es geht darum, die Gesundheit und die Funktion des Gesamtsystems zu erhalten bzw. wiederherzustellen anstelle der Korrektur von Einzelsymptomen. Dazu ist es nötig, gemeinsame „Muster“ hinter den verschiedenen Systemen zu erkennen und so den Überblick über ein System zu bekommen.

Der Aufbau von Systemen ist holonisch, d.h. einzelne „Bereiche“ davon sind immer Ganze (besitzen also eine relative Freiheit und Autonomie) und Teil eines grösseren Ganzen (mit relativer Abhängigkeit und Einordnung).

Was könnte das fürs Schulsystem heissen?

Jedes Kind (und jede Lehrperson) ist ein einzigartiges Wesen für sich, das als solches wahrgenommen und im Lernprozess unterstützt werden will. Im nächst-höheren Holon, der Lerngruppe oder der Klasse, muss dieses Individuell-einzigartige erhalten bleiben; gleichzeitig geht es für das Kind darum, sich in diesen neuen Verbund einzugliedern (Sozialkompetenz). Die Aufgabe und Kompetenz der ganzen Schuleinrichtung besteht im optimalen Funktionieren dieser (in sich autonomen) Schuleinheit. Entsprechendes gilt für die Gemeinde, die für die Koordination und das Bildungs-Wohl aller Gemeindemitglieder in den gemeindeeignen (staatlichen und nicht-staatlichen) Schulen zuständig ist. Nicht mehr und nicht weniger. Gleiches gilt für die Regionen bzw. Kantone bezogen auf ihre einzelnen Gemeinden. Auf Bundesebene schliesslich – und das dürfte grundsätzlich für andere Länder gleich sein – ist verbindlich festgelegt, was an Inhalten bis zur Beendigung der obligatorischen Lernzeit für alle Lerngruppen gilt. Das meint nicht Tests und Noten oder was wann von wem gelernt werden muss, sondern es beinhaltet einen sehr groben Rahmenlehrplan, der nach den obligatorischen Jahren erfüllt sein muss. Spezifisch verpflichtend, im Zusammenhang mit dem systemischen Charakter unserer Wirklichkeit, soll dabei eingeschlossen sein (was ein ganzes Leben lang weiter gehen wird):

1. „Persönliche Meisterschaft“: Erkennen und Ausschöpfen des eigenen Potentials, Finden der spezifisch eigenen „Mission“. Lernen, Vertiefen und Festigen eines integralen Bewusstseins.

2. „Sozial-gesellschaftliche Meisterschaft“: Eine kohärente Gesamtschau der Welt, und zwar auf der Basis von verbindenden Mustern, die in den verschiedenen Systemen erkennbar sind. Konsensbildungsprozesse von (stets provisorisch geltenden und regelmässig wieder zu überarbeitenden) relativen Wahrheiten wie das Weltbild, das Menschenbild, die politisch-gesellschaftliche Organisation etc., als Basis für ein globales Zusammenleben. Eine Post-materielle Kulturgesellschaft, in der die kulturellen Antriebe die egohaften Erb-Antriebe überstimmen, weil sie unabhängig von äusseren Bedingungen ein inneres, stabiles Glücksgefühl zu vermitteln vermögen. Eine Kulturgesellschaft, wo Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften auf einer höheren Ebene sich vereinen.

Literatur:

Dietmar Hansch: Sprung ins Wir; die Neuerfindung von Gesellschaft aus systemischer Sicht. V&R, 2010.

Frederic Vester: Die Kunst vernetzt zu denken; Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität. dtv Wissen, 1999.

Peter M. Senge: Die Fünfte Disziplin; Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Klett-Cotta, 1990.

 

 

 

 


Erstellt von: Hans Schmid
Kategorie:Integrale Bildung

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